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Handschriftenfragmente der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln

Kölner Fragmente-Portal

Das von der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln betreute Kölner Fragmente-Portal bietet einen Überblick über die fragmentierten Überreste handschriftlicher Textzeugen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, die heute an verschiedenen Kölner Institutionen verwahrt werden.  

Bestandsgeschichte

Die Entstehung der USB und ihrer historischen Bestände

Der historische Bestand der Universitäts- und Stadtbibliothek stammt vor allem aus Kölner Klöstern, Stiften und Gymnasien, deren Bücher nach der Säkularisation zuerst die Gymnasialbibliothek verwahrte. Diese wurde 1885 der Stadtbibliothek eingegliedert, die schon selbst einige historische Werke aus der städtischen Ratsbibliothek sowie verschiedenen Schenkungen besaß. Die Handschriften wurden später bei der Aufteilung der Bestände der ehemaligen Stadtbibliothek dem Stadtarchiv zugewiesen, während die gedruckten Bücher der künftigen Universitäts- und Stadtbibliothek übergeben wurden. 

Woher kommen die Fragmente?

Mit diesen gedruckten Büchern gelangten auch einige Handschriftenfragmente in die Universitätsbibliothek. Sie waren eingeklebt auf Buchspiegeln, dem eigentlichen Druck vor- oder nachgeheftet oder zu kleinsten Teilen zerschnitten im Buchrücken, dem Falz oder als Lesezeichen auf einzelnen Seiten angebracht. Die sogenannte Makulierung, also das Zerschneiden eines unbrauchbar gewordenen Schriftstücks, erlebte mit dem Aufkommen des Buchdrucks eine wahre Hochphase. Werke, die nun gedruckt vorlagen, waren nicht nur zuverlässiger, sondern auch leserlicher, denn ihre Qualität hing nicht mehr von der Sorgfalt und der Schönschrift des jeweiligen Kopisten ab. Die älteren Handschriften wurden also entbehrlich – zumindest, was ihren Inhalt betraf. Der Beschreibstoff bestand aus wertvollem, stabilem Pergament, das die Buchbinder gerne zur Verstärkung der Bindung der mittlerweile vorwiegend auf Papier gedruckten Werke verwendeten.

Anfänge der Erforschung

Im 20. Jahrhundert begann man jedoch den Wert dieser eingeklebten Fragmente zu erkennen und sie aus ihren Trägerbänden herauszulösen. Auf diese Weise ist an der Universitäts- und Stadtbibliothek eine Sammlung von ca. 600 losen Handschriftenfragmenten entstanden, die aus der Zeit des 9. Jahrhunderts bis in die frühe Neuzeit stammen. Zahlreiche weitere Fragmente befinden sich noch in situ in ihren Trägerbänden, wo sie heute nach Möglichkeit belassen werden, um den historischen Zusammenhang zu erhalten. So kann ein Objekt bestehend aus Einband, Fragment und dem gedruckten Werk in seiner Gesamtheit bedeutende Erkenntnisse zum Vorhandensein, der Beschaffung und Herstellung von Text und Buch liefern. Vor diesem Hintergrund werden an der Universitäts- und Stadtbibliothek in gesonderten Projekten auch die Bibliotheken der Klosterlandschaft in und um Köln, die den Grundstock des historischen Buchbestandes der Universitäts- und Stadtbibliothek bilden, ebenso wie die Buchbinderwerkstätten erforscht.

Erschließung der Sammlung

Die losen Handschriftenfragmente wurden gereinigt, in säurefreie Mappen eingelegt und digitalisiert. Seit etwa zehn Jahren werden sie außerdem Stück für Stück anhand eines speziell erarbeiteten Erfassungsschemas wissenschaftlich beschrieben. Dazu finden unter der Leitung von Prof. Peter Orth (Institut für Altertumskunde, Abt. Mittellateinische Philologie) regelmäßig Seminare statt, in denen Studierende die Möglichkeit haben, an den Originalen zu forschen. Auch Praktika und die ehrenamtliche Mitarbeit von Studierenden tragen zur Erschließung der Sammlung bei. Zeugnis darüber geben die Berichte von Theda Thies und Adrian Kammerer. Die auf diese Weise entstandenen und geprüften Beschreibungen werden sukzessive in das Fragmenteportal eingebunden. 
 


Aktueller Fund

Erste lateinische Übersetzung der Akten des Zweiten Konzils von Nikaia (787)

Im Zuge des Klosterprojektes wurde vor kurzem ein In-Situ-Fragment entdeckt, zu dem nun ein Forschungsbeitrag von Simon Grigo und Peter Orth erschienen ist.
Es handelt sich um ein fast vollständiges Bifolium, das als Einbandmaterial für den Trägerband GBIV5722+A verwendet wurde. Das Buch befand sich bis 1802 im Besitz der Benediktinerabtei St. Pantaleon in Köln. Der Aufsatz mitsamt einem Abdruck des sichtbaren Textes findet sich im Deutschen Archiv für Erforschung des Mittelalters (Heft 81/2, S. 649-665).
Die Handschrift ist in Karolingischer Minuskel verfasst und weist einige altertümliche Merkmale auf, die eine Datierung in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts nahelegen. Damit zählt das Fragment zu den ältesten der USB. Noch dazu handelt es sich um den bislang ersten bekannten Textzeugen der ersten lateinischen Übersetzung der Akten des Zweiten Konzils von Nikaia von 787. Bekannt waren bislang nur Handschriften der 873 erstellten Übersetzung des Anastasius Bibliothecarius. Das Kölner Fragment ermöglicht nun einen Vergleich der beiden Fassungen.
 


Das durchlöcherte und beschnittene Pergament mit seiner verblassten Schrift lässt die einstige Pracht dieser repräsentativen Abschrift von Boethius‘ „De consolatione philosophiae“ aus dem 9./10. Jahrhundert noch erahnen. Das spätantike philosophische Werk war im Mittelalter weit verbreitet und wurde auch im Schulunterricht genutzt. Auf einen solchen Kontext deuten hier die zahlreichen Notizen zwischen den Zeilen und am Rand.

Zur vollständigen Beschreibung:
FRL221: Anicius Manlius Severinus Boethius, De Consolatione Pilosophiae


Zwei Fragmente einer Handschrift des 13. Jahrhunderts ergeben zusammengesetzt 382 Verse und somit etwa die Hälfte des ersten Buches der „Metamorphosen“ Ovids. Diese beiden Doppelblätter bildeten ursprünglich das Innere eines sogenannten Quaternios, also einer Lage aus vier ineinander gehefteten Doppelblättern, die mit weiteren Lagen zu einem Buch gebunden wurde.

Zur vollständigen Beschreibung:


„Wir bedurfen alle rates wol“: Angesichts der sechs nur wenige Zentimeter großen Fragmente entfaltet dieser Vers beim Lesen eine gewisse Ironie. Er gehört zu einem mittelhochdeutschen Gedicht, das im 14. Jahrhundert von einer ordentlichen Hand niedergeschrieben und mit roten Strichelungen verziert wurde. Hinweise zur Identifizierung des Textes nehmen wir gerne entgegen.


Gesamtinventar der losen Fragmente (Stand 31.12.2025) 

PDF zum Download (732KB)

  • Lateinische Fragmente S.1-57
  • Deutsche Fragmente S. 58-60
  • Niederländische Fragmente S. 61
  • Französisches Fragment S. 62
  • Hebräische Fragmente S. 62-69
  • Koptische Fragmente S. 70
  • Musikalien-Fragmente S. 71-73
  • Urkunden-Fragmente S. 74- 79
     

Fragment-Arten

Sammlung loser Fragmente

Die Sammlung loser Fragmente gliedert sich in erster Linie nach sprachlichen Merkmalen. Die Gruppe der lateinischen Fragmente (FRL) ist am breitesten repräsentiert, dazu treten deutsche (FRD), hebräische (FRH), niederländische (FRNL) und französische (FRFR) Fragmente. Separiert werden außerdem Urkunden- (FRU) und Musikalien-Fragmente (FRM). Eine eindeutige Zuordnung ist aufgrund des fragmentarischen Zustands einiger Stücke allerdings nicht immer möglich oder stellt sich erst bei genauerer Betrachtung oder (sprach-)wissenschaftlicher Untersuchung heraus. So kann ein Fragment einer lateinischen Urkunde genauso in der Gruppe lateinischer Fragmente landen wie ein mittelniederländisches Fragment – insbesondere mit Blick auf den fließenden Übergang zur ripuarischen Sprachlandschaft in und um Köln – deutsch scheinen kann. Die Signaturen können somit nicht als zuverlässige Indikatoren der Sprache oder Art eines Fragments gelten.

Inhaltlich spiegelt die Sammlung mittelalterliche Interessen und Bedürfnisse: Es überwiegen kirchenrechtliche, liturgische und theologische Texte, zum Beispiel der Liber extra, Messbücher oder Bibelkommentare. Ergänzt werden sie von Lehrwerken aus dem Sprachunterricht wie den grammatischen Lehrgedichten von Alexander de Villa Dei („Doctrinale“: FRL41, FRL417, FRL488) und Eberhard von Béthune („Graecismus“: FRL49, FRL239, FRL264) oder verschiedenen Wörterbüchern (FRL71, FRL73, FRL257, FRL552, FRL290). Mit Ovids „Metamorphosen“ (FRL10, FRL376), Sallusts „Bellum Iugurthinum“ (FRL551) und Terenz‘ „Heautontimorumenos“ (FRL554) finden sich auch antike Klassiker.

Inventar der losen Fragmente >>

Fragmente in situ

Zahlreiche handschriftliche Fragmente befinden sich noch in situ in den Inkunabeln und Alten Drucken der USB. Ihr Vorhandensein wird stetig erfasst und es erfolgt soweit möglich eine kurze inhaltliche und zeitliche Einordung.
Inventar der in situ-Fragmente (Auswahl)

Literaturhinweise
  • Pieter Beullens: A Fragmentary Witness of William of Ockham’s Brevis Summa Libri Physicorum, in: Fragmentology 7 (2024), S. 113–121.
  • Peter Orth/Lothar Speer/Rainer C. Wierzcholowski: Fragmente mittelalterlicher Urkunden und Handschriften in Kölner Bibliotheken, in: Analecta Coloniensia 19/21 (2019/21), S. 63–99.
  • Peter Orth: Neue Fragmente der „Summa notariae“ des Johannes von Bologna und der „Summa Thymonis“, in: Mittellateinisches Jahrbuch 56 (2021), S. 443–476.
  • Cornelia Herbers, Semih Heinen, André Rauhut, Daniel Ziemann: Historiker auf ‚Schatzsuche‘ – Karolingische Fragmente aus Kölner Bibliotheken, in: Analecta Coloniensia 5 (2005), S. 33–66.
  • Klaus Zechiel-Eckes: Cresconius maculatus. Unbekannte Kölner Überlieferungen der Concordia canonum. Zugleich eine Bestandsaufnahme nach zwölf Jahren, in: Analecta Coloniensia 4 (2004), S. 97–127.
Fragmente an anderen Kölner Stadtorten

Bildnachweis Sammlungsbanner: © Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Detailausschnitt des Fragmentes FRL24 a,  Aristoteles‘ „Analytica priora“ in der lateinischen Übersetzung des Boethius mit verschiedenen Kommentierungsstufen und einer kleinen Zeichnung.